Seit 2020 durchleben wir eine noch nie dagewesene globale Krise, verursacht durch Covid-19. Als Folge der weltweiten Lockdowns zur Eindämmung der Pandemie sanken die CO2-Emissionen um 7 Prozent. Ist das ein Grund zum Jubeln?

Ein Tropfen auf den heissen Stein

Nein, sagt Martin Grosjean, Direktor am Oeschger-Zentrum für Klima-Forschung an der Universität Bern. Selbst wenn die Emissionen durch die verschiedenen Slow- und Lockdowns noch ein oder zwei Jahre weitergehen würden, sei dies ein Tropfen auf den heissen Stein. Dies liege auch daran, dass die verschiedenen Weltregionen unterschiedlich betroffen seien. «In Europa und den USA nahmen die Emissionen um rund zehn Prozent ab, in China weniger als zwei. Dort ging das ‹normale Leben› bald wieder weiter, auf die Emissionen hatte Corona praktisch keinen Einfluss», so Grosjean.

Grosser Nachholbedarf bei Ferienreisen, aber in Zukunft weniger Geschäftsreisen

Am Flughafen Zürich wurden laut dem Online-Magazin Watson im Jahr 2020 im Vergleich zu 2019 rund 60 Prozent weniger Flugbewegungen gemessen und 75 Prozent weniger Passagiere abgefertigt. Weniger Flüge bedeutet erheblich weniger CO2-Emissionen. Wird dies auch in Zukunft so bleiben? Dazu Grosjean: «Zumindest im Tourismus gehe ich von einem riesigen Rebound aus. Vielen brennt es unter den Nägeln, mal wieder unbeschwert verreisen zu können. Geschäftsreisen werden – auch aus Kostengründen – abnehmen. Allerdings wird es weiterhin einige Treffen physisch brauchen.»

Keine CO2-Emissionen mehr bis 2050

Die Schweiz soll bis 2050 unter dem Strich keine Treibhausgase mehr ausstossen. Dieses Netto-Null-Ziel hat der Bundesrat 2019 beschlossen. Am 27. Januar 2021 hat er die dazugehörige «Langfristige Klimastrategie der Schweiz» verabschiedet. Diese präsentiert die Leitlinien für die Klimapolitik bis 2050. Die Strategie knüpft an die Massnahmen und Ziele des revidierten CO2-Gesetzes an. Das neue Gesetz ist für die Erreichung des Netto-Null-Ziels von zentraler Bedeutung. Es führt zu einer Senkung der Treibhausgase um 50 Prozent bis 2030 und bringt die Schweiz auf Kurs für das Klimaziel bis 2050.

Wir müssen die Emissionen bis 2050 jährlich um 4 Prozent reduzieren

Bundesrätin Simonetta Sommaruga sagte kürzlich an einer Medienkonferenz, dass das Klimaziel 2050* «notwendig, machbar und bezahlbar» sei. Was sollen wir also nun konkret tun? Wir müssen die Emissionen vom heutigen Stand jährlich um 4 Prozent reduzieren, erklärt Klimaforscher Grosjean. Wichtig sei auch das Zwischenziel für 2030. «Wenn wir bis dann die Emission um 50 Prozent reduzieren können, ist ein wichtiges Zwischenziel erreicht.»

Im Juni braucht es ein Ja zum CO2-Gesetz

Auch bezüglich der Abstimmung über das Referendum gegen das CO2-Gesetz hat Grosjean eine klare Haltung: In der Wissenschafts-Community in der Schweiz sei man sich einig, dass das CO2-Gesetz in der jetzigen Form die beste Möglichkeit für das Klima sei, die es gebe. «Wir sind uns im Klaren, dass dies nicht reicht, aber es ist ein enorm wichtiger Schritt. Wird das vorliegende Gesetz verworfen, vergehen Jahre, bis ein neues Gesetz vorliegt. Wertvollste Zeit geht verloren.»

Elektromobilität, nachhaltiges Wohnen und Homeoffice als Hebel für das Klima

E-Mobilität und Nachhaltigkeit beim Wohnen sind für Grosjean weitere Schlüssel für das Erreichen des Klimaziels. Da gebe es noch viel Potenzial, etwas für das Klima zu tun, meint er: «Beispielsweise das Verschwinden von Verbrennungsmotoren oder nachhaltige Häuserheizungen. Auch Homeoffice kann einen Beitrag leisten. Wenn es dort, wo es möglich ist, auch nach der Pandemie einen oder zwei Tage Homeoffice gibt, gehe ich davon aus, dass das etwas nützt.» Doch er fügt auch an, dass die ersten 50 Prozent Emissionsreduktion einfacher zu erreichen seien als die zweiten 50 Prozent.

Quelle: Watson

Foto: Markus Spiske, Unsplash