Niemand hat zu Stosszeiten mehr Lust, sich in überfüllte Pendlerzüge setzen - Social Distancing ist dort ein Ding der Unmöglichkeit. Doch seit sich die Lockdown-Massnahmen gelockert haben, möchten oder müssen die Menschen wieder mobil sein. Metropolen wie Paris, Mailand und San Francisco, wo die Menschen enger aufeinander leben als in ländlicheren Gebieten, testen neue Konzepte für die Mobilität. Das heisst, so neu sind diese Konzepte eigentlich gar nicht. Grüne Parteien und umweltbewusste Menschen fordern diese «neue» Mobilität schon längst  und leben sie bereits: Das Velo als Nahverkehrsmittel, Auto-Fahrgemeinschaften und - nicht wirklich überraschend - Home Office statt Pendeln. Neu ist, dass der Staat umweltfreundlichere Mobilitätsarten nun kräftig fördert.

(Dieser Blog Post bezieht sich auf den NZZ-Artikel vom 27.5.2020 «Corona zwingt Städte wie Paris, Mailand oder San Francisco zum Umdenken».)

Mailand will eine Velostadt werden

Mailands Topographie ist flach und deshalb ist die Stadt für den Fahrradverkehr geradezu prädestiniert. Bis jetzt galt Fahrradfahren in Itailen allerdings eher als sportliche Freizeitbetätigung und das Fahrrad-Wegnetz war ziemlich löchrig. Manche Abschnitte galten sogar als gefährlich. Bis Ende 2020 soll diesen Missständen gemäss NZZ nun abgeholfen und 35 Kilometer zusätzliche Radwege gebaut werden. Insgesamt wird das Mailänder Radwegnetz dann stolze 200 Kilometer umfassen - eine ganz neue Grössenordnung für Italien. Seit Beginn der Corona-Krise haben immer mehr Mailänder*innen das Rad als Fortbewegungsmittel für den Alltag entdeckt. Der Anteil der Velos am täglichen Verkehr ist von vormals 6 Prozent inzwischen auf 23 Prozent gestiegen. Der Bürgermeister persönlich wirbt auf Facebook für die neue Verkehrsstrategie. Und der Staat subventioniert die Anschaffung eines Velos mit bis zu 500 Euros.

Paris motiviert Pendler*innen, Mitfahrgemeinschaften zu gründen

Die französische Hauptstadt ist bereits eine Velostadt, doch die Pendlerwege sind lang: Bis zu 18 Kilometer. Für die meisten ist diese Strecke zu weit, um täglich mit dem Fahrrad zurückgelegt zu werden. Die meisten benutzen deshalb die Metro oder die S-Bahn. Doch wegen Corona dürfen die öffentlichen Verkehrsmittel zurzeit in Stosszeiten nur mit einer Bescheinigung des Arbeitgebers benutzt werden. Ansonsten sollen die Arbeitenden im Home Office arbeiten. Um dennoch möglichst viele Pendler*innen dazu zu bewegen, das Velo (statt das Auto) zu benutzen, bewirbt auch der französische Staat das Velo aktiv. 50 Euro erhält jeder Bürger und jede Bürgerin für eine Veloreparatur. Es werden Kurse angeboten und mehr Veloparkplätze gebaut. In der Pariser Innenstadt und in den umliegenden Gemeinden werden temporäre Velospuren angelegt und Trottoirs verbreitert. Das Konzept ist erfolgreich: Die Velowege werden intensiv genutzt, berichtet die NZZ. Man hofft, dass die Menschen ihr Verkehrsverhalten auf Dauer ändern werden. Wer längere Distanzen zurücklegen muss, wird ermutigt, Mitfahrgelegenheiten zu nutzen. Wer nicht alleine im Auto sitzt, darf als Motiviation auf zwei Autobahnen in der Region bis auf weiteres die Taxi- und die Busspur benutzen.

Die Region um San Francisco setzt auf Home Office - zumindest temporär

San Franciscos Nahverkehr ist verschmutzt, unsicher, zu Stosszeiten völlig überfüllt und unzuverlässig, so schreibt die NZZ. Ausserdem reicht das Netz nicht bis zu den Firmensitzen von Apple, Google, Twitter und Co. mit zehntausenden von Mitarbeitenden. Bisher waren Firmenbusse, Uber-Taxis und der Privatverkehr die einzige Alternative für Pendler*innen. Mit dem Effekt, dass der Highway 101 und 208 die schlimmsten Staus in Amerika produzierte. Seit der Corona-Pandemie sind die Staus verschwunden, die Fahrt durchs Silicon Valley ist nun sogar zu Stosszeiten frei passierbar. Google und Facebook, die beiden grössten Arbeitgeber im Silicon Valley, haben den Mitarbeitenden erlaubt, mindestens bis Ende 2020 im Home Office zu arbeiten. Weitere grosse Firmen folgten ihrem Beispiel. Die rund 5000 Mitarbeitenden von Twitter, dürfen in Zukunft grundsätzlich selbst entscheiden, ob sie von Zuhause aus arbeiten wollen. Allerdings möchten Apple und Facebook, dass die Mitarbeitenden in Zukunft wieder vermehrt vor Ort arbeiten. Als Gründe dafür geben sie die Arbeit an vertraulichen Informationen und die Notwendigkeit für gemeinsame Brainstormings an.


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