Bei der Genossenschaft mehr als wohnen in Zürich ist der Name Programm: Partizipation, Inklusion, Ökologie und Innovation werden im Alltag gelebt. Vor kurzem durfte Greenfocus Communications mehr als wohnen bei der Übertragung von acht Kurztexten zu zentralen Genossenschafts-Begriffen in Einfache Sprache unterstützen. Diese Begriffe wurden zusätzlich in acht Sprachen übersetzt. Roseli Ferreira, verantwortlich für Kommunikation und IT bei mehr als wohnen, erklärt im Gespräch, was Einfache Sprache bedeutet. Und sie legt dar, warum Einfache Sprache für mehr als wohnen die bevorzugte Form der Kommunikation geworden ist.


Was ist für dich «Einfache Sprache»?

Einfache Sprache bewegt sich auf der Sprachebene B1 und richtet sich an Menschen mit wenig Leseerfahrung oder an Sprecher*innen mit Deutsch als Zweitsprache. Einfache Sprache ist jedoch nicht das Gleiche wie Leichte Sprache. Diese wurde für Menschen mit Lernbehinderung entwickelt. Am ehesten kann man Einfache Sprache vielleicht mit guter Radio- oder Internetsprache vergleichen. Es gibt dafür keine festen Regeln, aber einige wichtige Grundsätze: Ein Satz soll nur einen Gedanken enthalten und er ist höchstens 15 Wörter lang. Die Schreibenden verwenden aktive statt passive Tätigkeitswörter. Sie benutzen keine Fachwörter oder erklären diese. Der Text sollte zudem gut unterteilt sein, in Absätze und Zwischenüberschriften.


Du hast dich mit dem Thema Einfache Sprache ja intensiv auseinandergesetzt.

Ja, ich habe als Praxisarbeit des Managementlehrgangs Wohnbaugenossenschaften Schweiz den «Leitfaden für inklusive Sprache für die Baugenossenschaft mehr als wohnen» entwickelt. Wer sich dafür interessiert, findet auf ihrer Website weitere Hintergrundinformationen und auch die Verbindung zu Inklusion und Barrierefreiheit.


Einfache Sprache als Mittel für Partizipation, also für Beteiligung, war und ist gerade für euer neustes Bauprojekt Hobelwerk in Winterthur zentral. Ihr habt deshalb acht wichtige Begriffe aus den Genossenschafts-Statuten in Einfaches Deutsch übertragen und in acht weitere Sprachen (Albanisch, Arabisch, Englisch, Französisch, Portugiesisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Tigrinya, Türkisch) übersetzt. Warum habt ihr dieses Projekt unter dem Titel 8 x 8 gestartet?

Sprache kann eine Barriere sein. Sie kann z.B. verhindern, sich für eine Genossenschaftswohnung zu bewerben. Wir wollen Barrieren abbauen. Das machen wir in erster Linie mit Einfacher Sprache. Einfache Sprache ist für alle Personen gut, egal ob sie Deutsch als erste Sprache oder als zweite Sprache gelernt haben. Punktuell gibt es aber auch mehrsprachige Kommunikation.

Wo wurden die Übersetzungen verwendet?

Ursprünglich sollten die Übersetzungen als Plakate und Flyer an Anlässen eingesetzt werden. Doch leider hat uns da die Corona-Pandemie einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir können die Übersetzungen aber auch so in unserer Arbeit einsetzen. Die Übersetzungen sollen helfen, Begriffe wie Anteilkapital oder Kostenmiete zu vermitteln. Den Übersetzer*innen half es übrigens sehr, dass der deutsche Ausgangstext bereits in Einfacher Sprache formuliert war. Gleichzeitig sind die Übersetzungen ein symbolischer Akt. Wir sagen damit willkommen und spiegeln wider, dass viele Mitarbeitende bei uns selbst Migrationserfahrung haben – wie ich auch. Bei den Übersetzungen ging es uns also keinesfalls um Zuschreibungen gegenüber Migrant*innen. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass Migrant*innen viele Ressourcen haben. Sie sind gut vernetzt und wissen, wie sie zu Informationen kommen. Trotzdem ist es schön, etwas in der eigenen Sprache zu lesen an einem Ort, wo man es vielleicht eher nicht denken würde.

Ihr habt die Begriffe Genossenschaft, Statuten, Mitgliedschaft, Anteilkapital, Belegung, Kostenmiete, Allmende und Autoarmes Areal übersetzt. Kannst du diese Auswahl etwas näher erklären? 

Da gibt es einerseits Fachbegriffe in den Statuten, wie sie jede Baugenossenschaft kennt, beispielsweise Kostenmiete oder Anteilkapital. Die wollten wir verständlich erklären. Diese Begriffe sind für viele Personen neu. Dahinter stecken teilweise ganze Konzepte. Bereits in Nachbarländern wie Deutschland wird unter einer Genossenschaft nicht genau das Gleiche verstanden wie in der Schweiz. Dazu kommt, dass mehr als wohnen ja keine durchschnittliche Baugenossenschaft ist. Wir sind ein komplexer Haufen mit vielen neuen Ideen (lacht). So etwas wie Allmende oder autoarmes Areal müssen wir grundsätzlich erklären. 

Statuten sind ein gutes Beispiel für schwer verständliche Texte. Sie enthalten viele Begriffe, die erst erklärt werden müssen und die Sprache ist sehr juristisch. Was sind die Herausforderungen, wenn schwierige Texte in Einfache Sprache übersetzt werden?

Einfache Sprache kann in den meisten Fällen problemlos und ohne grossen Aufwand eingesetzt werden, so auch in der breiten Genossenschaftskommunikation. Dafür braucht es bestimmte Voraussetzungen, unter anderem auch ein sensibles und geschultes Redaktionsteam. Am wichtigsten ist jedoch, dass Einfache Sprache über die ganze Kommunikation angewendet wird. Wir haben deshalb die Herangehensweise umgedreht und versuchen, alle Texte, in Einfacher Sprache zu verfassen. Unser Leitfaden für inklusive Sprache ist die Basis dafür. Ich unterstütze und lese die Texte der Kolleg*innen gegen. Im Übrigen profitieren alle Menschen von barrierefreier Information. Jede*r kann ganz plötzlich auf Barrierefreiheit angewiesen sein. 

Habt ihr die Zielgruppen und ihre Erwartungen bei der Ausarbeitung und der Übertragung der Begriffe miteinbezogen?

Ja. Unsere ehemalige Mitarbeiterin Bigi Obrist hat das ganze 8 x 8-Projekt aufgegleist und dazu auch mit Winterthurer Institutionen zusammengearbeitet. Intern haben wir das Projekt mit der Projektgruppe Barrierefreie Partizipation besprochen. Im Rahmen des Citoyenneté-Programms der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen (EKM) führen wir seit 2020 das Projekt „Barrierefreie Partizipation“ durch. Teil der Projektgruppe sind migrationserfahrene und rassismusbetroffene Menschen. Ihr Aufwand wird natürlich entschädigt.

Juristische und amtliche Texte sind besonders schwer zu verstehen. Wo sonst ist Einfache Sprache speziell wichtig?

Gerade dort, wo es um Geld und Recht geht, ist Einfache Sprache wichtig. Du musst eine Sache zuerst verstehen, um zu entscheiden, ob du damit einverstanden bist oder nicht. Wer etwas nicht versteht, kann sich auch nicht wehren. Ein Beispiel: Wir mussten vor einiger Zeit einen Informationsbrief zur Mietzinssenkung versenden. Der Text war in einer Art Verwaltungssprache verfasst, den sogar ich zweimal lesen musste. Zusammen mit dem Vermietungsteam schrieb ich ihn um. Obwohl sie zunächst skeptisch waren, ob das möglich ist, so dass es nachher auch noch «verhebt». Der Brief hat gezeigt, dass es möglich ist, auch einen schwierigen Inhalt in Einfacher Sprache zu verfassen. Oder sagen wir in dem Fall: in einfacherer Sprache. Dies ist ein Bereich, in dem sich aber auch andere Genossenschaften stark verbessern können.

Wie haben Vorgesetzte, Kolleg*innen und Mitarbeitende auf die Einführung der Einfachen Sprache bei mehr als wohnen reagiert?

Es gab keine Diskussion darüber, ob es nötig ist, in Einfacher Sprache zu kommunizieren. Alle waren und sind bereit, sich auf diesen Weg zu machen. Es braucht dafür aber Schulung und Beratung.

Haben andere Genossenschaften schon Begriffe oder Texte in Einfache Sprache übertragen oder leistet ihr hier Pionierarbeit?

Ich habe bisher nichts davon gehört. Allerdings wurde in unserem letzten Newsletter der Beitrag über die acht Genossenschafts-Begriffe in Einfacher Sprache am zweitmeisten angeklickt – neben dem neuen Wohnungsangebot im Hobelwerk.

Was sind deine persönlichen Erfahrungen mit einfacher Sprache?

Hinter Einfacher Sprache kann man sich nicht verstecken. Du wirst klarer und zugänglicher. Ich wurde von der Vertreterin einer anderen Genossenschaft auch schon gefragt, ob wir nicht befürchteten, dass Einfache Sprache zu weniger Respekt gegenüber der Genossenschaft als Vermieterin führe. Diese Bedenken zeigen meiner Meinung nach sehr deutlich, dass mit Sprache eben auch Status und Macht demonstriert wird. Doch Sprache ist auch ein Mittel, um eine Beziehung zu gestalten und um Menschen nicht aus- sondern einzuschliessen. Letzteres liegt mehr als wohnen besonders am Herzen.

Foto: Lucas Ziegler

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