Hatte bzw. hat der Lockdown und weitere Einschränkungen von Wirtschaft, Kultur und Alltag einen positiven Einfluss auf das Erreichen der Klimaziele und auf die Umwelt? Wie gross war bzw. ist dieser Einfluss? Und was passiert nun beim Aufheben der Einschränkungen? Wollen, ja können wir möglichst rasch zurück in die sogenannte «Normalität»?

Positive Effekte des Lockdowns stellt Johannes Schuler, Projektleiter für Nachhaltigkeit und Infrastruktursysteme am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung, laut einem Artikel im National Geogrpahic am 26.3.2020, fest. «(...) es gibt einzelne Indikatoren für kurzeitige Effekte», erklärt er. «Für die Umwelt ist das Virus eine Wirtschaftskrise mit positiven Auswirkungen: Durch den Stillstand der Industrie entstehen weniger Einträge in die Böden und Gewässer, weniger Verschmutzung und der Rohstoffverbrauch sinkt mit dem Rückgang der Produktion». Auch das Klima profitiere kurzfristig von den konjunkturellen Auswirkungen des Virus: Geschlossene Firmen und Homeoffice sorgen für eingeschränkten Personen- und Güterverkehr. Hinzu komme der gesunkene Strom- und Ölverbrauch durch Produktionsrückgänge, sowie der eingestellte Reiseverkehr, insbesondere Flugreisen, so Johannes Schuler weiter.

Das Bundesamt für Umwelt, bafu, beurteilt die Situation in der Schweiz weniger positiv (Stand 15.5.2020): «Der Treibhausgasausstoss in der Schweiz hat zwischen 1990 und 2018 um 14 Prozent abgenommen. Das Ziel, diesen bis 2020 um 20 Prozent zu senken, wird voraussichtlich nicht erreicht.» Es gibt also kein Zurücklehnen dank den positiven Effekten der Corona-Krise - es besteht nach wie vor dringender Handlungsbedarf.

Es fehlt der politische Wille, die Klima-Krise so ernst zu nehmen wie Corona.

19 Prozent trägt gemäss Umverkehr in der Schweiz allein der Flugverkehr zur «menschengemachten Klimawirkung» bei. Doch dies bewog das Parlament (allen voran CVP, FDP und SVP) NICHT dazu, die Gelegenheit zu ergreifen und die Rettung der Fluggesellschaften Swiss, Edelweiss sowie flugnaher Betriebe an klimapolitische Auflagen zu knüpfen (vgl. dazu den Artikel in der WOZ vom 7.5.2020). Es fehlt einer Mehrheit im Parlament ganz offensichtlich (noch immer) am politischen Willen, die Klima-Krise genauso ernst zu nehmen wie die Corona-Krise.

Für alle, die ernsthaft die gesetzten Klimaziele erreichen und deshalb eine nachhaltige Wirtschaft wollen, gibt es kein Zurück zu «Business as usual». Entsprechende Konzepte, wie dies umgesetzt werden kann, liegen vor. So beispielsweise im gemeinsamen Posititionspapier von öbu, dem Verband für nachhaltiges Wirtschaften, und swisscleantech vom 12.5.2020. Vier Forderungen werden darin formuliert:

  1. Stärkung der Kreislaufwirtschaft und nachhaltiger Lieferketten. Dank Innovation und guten Rahmenbedingungen können die Kreislaufwirtschaft und nachhaltige Lieferketten gestärkt werden. Lokal verfügbare Produkte und Rohstoffe mit kürzeren Lieferketten steigern die Resilienz des Wirtschaftssystems und reduzieren Abhängigkeiten. Dies fördert die lokale und regionale Wirtschaft, reduziert den CO2-Ausstoss und den gesamten Rohstoffverbrauch.
  2. Förderung der erneuerbaren Energien und der Effizienz stärkt lokale Resilienz. Zwar ist die Schweiz bei der Stromversorgung kurzfristig weitgehend autonom, doch die gesamte Energieversorgung basiert nach wie vor zu mehr als zwei Dritteln auf fossilen Brenn- und Treibstoffen, bei denen die Schweiz zu 100% von Importen abhängt. Wichtig sind neue Produktionsanlagen, eigene Speicherkapazitäten, verlässliche Partnerschaften und Gebäudesanierungen.
  3. Verhinderung unwirtschaftlicher Investitionen («stranded assets»). Alle Konjunkturmassnahmen sollten darauf geprüft werden, ob sie die Anforderungen an eine klimaneutrale nachhaltige Entwicklung im Sinne der Agenda 2030 und des Pariser Klimaabkommens erfüllen. Im Rahmen der Wirtschaftshilfe dürfen keine Infrastrukturen geschaffen werden, welche die Abhängigkeit zukünftiger Generationen von fossilen Brenn- und Treibstoffen verstärken.
  4. Geeignete Massnahmen für einen zukunftsorientierten Strukturwandel. Bund, Kantone und private Unternehmen fördern bereits heute mit Blick auf ihre Nachhaltigkeits- und Klimaziele diesen Strukturwandel. Massnahmen, um die Konjunktur zu stabilisieren, sollten mit diesen Strukturreformen verknüpft werden.

Krempeln wir also die Ärmel hoch und halten den Druck von der Basis gemeinsam aufrecht. Stellen wir weiter Forderungen und wählen wir diejenigen Politiker*innen, die Ernst machen wollen mit einer nachhaltigeren Wirtschaft. Wann, wenn nicht jetzt, wollen wir dem Klimawandel mit Taten begegnen?

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